Roger Raimond Rossmeisl

Artikel von Stefan Lob in Zusammenarbeit mit Phil Kubicki

Quelle: Klaus Andrees

Roger Raimund Rossmeisl wurde 1927 als Sohn von Wenzel und Elisabeth Rossmeisl geboren. Sein Vater war der berühmte Gitarrenbauer Wenzel Rossmeisl der schon sehr früh mit dem Bau von Schlaggitarren nach amerikanischen Gibson L5 Vorbild begann. Wenzel Rossmeisl benannte seine „ROGER-Guitarren“ nach seinem Sohn.

Der Vorname war sicherlich „wohl“ gewählt. Wenzel Rossmeisl war nicht nur ein guter Gitarrenbauer und -spieler; vor allem war er ein richtig guter und gewitzter Geschäftsmann. ROGER war ein idealer Name zur weltweiten Vermarktung, da er im deutsch, englisch und französisch -sprachigen Raum identisch geschrieben wurde, lediglich die Aussprache ist eine andere.

Ende der dreißiger Jahre gab es bereits die erste Ausstellung auf der Wenzel Rossmeisl seine ROGER Gitarren in Leipzig präsentierte. Zur selben Zeit kam Roger als jüngster Schüler auf die Instrumentenbau-Schule nach Mittenwald in Süddeutschland.

Dort ging er auf eine der ältesten und berühmtesten Schulen für Violinen- und Gitarrenmacher. Eine Schule mit einer über 300 jährigen Geschichte, die heute noch Instrumentenbauer ausbildet. Ein weiterer Vorteil, war die äußerst sichere Lage der Schule. Weit vom Kriegsgeschehen entfernt, wusste Wenzel seinen Sohn Roger dort sicher untergebracht. Roger war im Alter von 8 Jahren der jüngste Absolvent. Der Schulplan umfasste den gesamten Lernstoff von Mathematik über Sprachen bis Wissenschaften und Kunst. Der Hauptbereich galt aber der Herstellung von Zupf- und Streichinstrumenten. Es war eine alte, klassische Ausbildung, in der die Haltung und der Respekt gegenüber dem Lehrmeister sehr groß geschrieben wurde. Roger hatte anfangs die Aufgabe, vor allen anderen, im eisig kalten Winter aufzustehen um das Feuer in den Werkstattöfen anzufachen, damit diese bei Arbeitsbeginn nicht frieren mussten.

©1950s Rickenbacker Int’l Corp / All Rights Reserved

Es gab noch keine modernen, elektrischen Werkzeuge und die Schüler wurden mit den klassischen Handwerkzeugen unterrichtet. Gearbeitet wurde an schweren, dicken und soliden Hobelbänken. Es gab vier verschiedene Einspannvorrichtungen für die Werkstücke. Die Auflagefläche der Hobelbank musste sauber und eben sein. Roger erinnerte sich gut an seinen Meister, der mit einer Wasserwaage durch die Werkstatt ging und die Oberflächen genau überprüfte. Entsprachen sie nicht seinem Standard, mussten sie so lange bearbeitet werden, bis sie 100% plan waren.
In der Schule wurde die alte und traditionelle Herstellungsweise von klassischen Instrumenten unterrichtet. Manche Schüler lernten den Violinenbau oder den Cello- und Kontrabassbau. Andere wiederum bauten Zupfinstrumente. Für die Bemaßung der Instrumente wurde ausschließlich das metrische System benutzt. Roger benutzte auch 25 Jahre später bei FENDER das metrische System für seine Baupläne.
Roger erinnerte sich, dass im Laufe des Krieges die Zeiten härter wurden. Es gab kaum mehr Werkstoffe. Alles wurde organisiert. Lebensmittel wurden knapp aber es war immer noch ein relativ sicheres Leben und der Lehrplan wurde planmäßig weitergeführt.

Vater & Sohn

Direkt nach dem Krieg begannen Vater und Sohn gemeinsam zu arbeiten. In dieser Zeit gab es die größten Entwicklungsschritte im ROGER Gitarrenbau und bei der Elektrifizierung ihrer Instrumente
In Berlin fing Roger an mit der elektrischen Abnahme von Roger-Gitarren zu experimentieren und lernte Herrn Bremer kennen, der die ersten Verstärker und Tonabnehmer für die Fa. ROGER herstellte und auch unter diesem Namen vertrieb.

Mehr dazu im Artikel: ROGER: Verstärker, Tonabnehmer und Zubehör

Wenzel Rossmeisl entwickelte und patentierte ein spezielles Verfahren zur Herstellung von Decken und Böden. In Rogers USA Zeit verwendete er dieses bei Rickenbacker und später bei Fender. In Amerika entstand dafür die Bezeichnung „German Carve“. Mehr dazu in Herbert Rittingers Artikel über Wenzel Rossmeisl. Roger legte im Jahre 1950, im Alter von 23 Jahren die Meisterprüfung ab und war der jüngste Meister in seiner Zunft.

Quelle: Klaus Andrees

Im Gespräch mit mehreren Personen die Wenzel und Roger persönlich kannten ergab sich immer das gleiche Bild. Beide traten eher wie Brüder auf denn als Vater und Sohn. Sie legten sehr viel Wert auf Ihr äußeres Erscheinungsbild und trugen oft sehr extravagante Kleidung. Da sie nicht nur Gitarrenbauer waren, sondern Ihre Instrumente auch als Musiker beherrschten, wurden sie schnell ein Teil der aufstrebenden und verrückten Berliner Jazz und Tanzmusik Szene. Von Roger ist bekannt, dass er gerne Tennis spielte und sich ein sehr teures und extravagantes Auto als Einzelstück anfertigen ließ. Beide waren äußerst galant und charmant und kamen bei der Damenwelt gut an. Das Geschäft florierte aber im Gegensatz zu seinem Vater, konnte Roger nicht gut mit Geld umgehen und er häufte in kurzer Zeit einen großen Berg Schulden an. Bereits in jungen Jahren waren die ersten Anzeichen von Alkoholproblemen und einer ausgeprägten Spielsucht erkennbar. Dies sollte sich wie ein roter Faden durch sein gesamtes Leben ziehen. Nachdem sein Vater Wenzel im Zuchthaus saß und Roger den Betrieb, aufgrund seiner hohen Privatschulden in den Konkurs gebrachte hatte, gab es für ihn nur noch einen Ausweg; die Flucht!

ROGER in den USA

Er suchte nun sein Glück in den USA. Mit seinem Vater war er zerstritten und in seiner alten Heimat hatte er hohe Schulden hinterlassen, unter anderem auch bei Herrn Bremer. Als Entschädigung sicherte sich dieser die Rechte an dem Namen „ROGER“ um weiterhin seine Orchesterelektronik unter dem Markennamen ROGER vertreiben zu können. Dieses habe ich von Herrn Bremer erfahren, der noch Schriftverkehr aus der frühen USA Zeit besitzt und mir diesen Brief vorgelesen hat.

Quelle: Rudi Bremer

Roger Rossmeisel ging 1953 nach Amerika, um bei GIBSON als Gitarrenbauer zu arbeiten. Er schrieb Ted McCarty, dem Präsidenten von GIBSON und schickte ihm sein Diplom als Gitarrenbaumeister. Roger bekam den Job und ein Ticket für die Überfahrt. Im ersten Jahr bei GIBSON entwickelte er eine neue Jazzgitarre. Diese passte aber nicht in das GIBSON-Programm und es gab Streitigkeiten. Roger verließ GIBSON.
Er machte erst einmal Ferien, die ihn auch nach Kalifornien führten. Da er auf Arbeitssuche war, ergab sich dort ein erster Kontakt zu RICKENBACKER.
1953 wurde der Gitarrenmarkt durch Leo Fenders Telecaster Gitarren und den Precision Bass stark aufgewühlt. Francis Hall, der spätere Inhaber von Rickenbacker (hieß damals noch „Electro String Instrument Corporation“) hatte zu dieser Zeit eine Radioreparaturwerkstatt mit dem Namen „Hall’s Radio Service“.
Bis zum Jahr 1946 stellte Leo Fender „Lap Steel“ Gitarren und Verstärker her und F.C. Hall vertrieb diese Produkte. Der Verkauf von Telecaster Gitarren und Precision Bässen lief sehr gut. Die Vertriebswege wurden verändert und es entstand die neu organisierte Vertriebsfirma „Fender Sales Company“. Die neuen Geschäftspartner waren Leo Fender, Francis Hall, Charly Hayesand und Don Randall. Die beiden Letztgenannten waren Mitarbeiter von Hall.
Als die Popularität von Telecaster Gitarren, Precision Bässen und Fender Verstärkern immer größer wurde, hatte Francis Hall die Idee, selbst Musikinstrumente herzustellen und zu vermarkten. Ende 1953 hörte Hall, dass Adolph Rickenbecker seine „Electro String Instrument Corporation“ verkaufen wollte. Hall konnte die Firma und das Namensrecht an Rickenbacker erwerben. Ab Dezember 1953 leitete Paul Barth die Firma. Dieser war lange Zeit als Manager bei Rickenbacker tätig. Sie produzierten „Lap Steel“ Gitarren und Verstärker.
Anfang 1954 wurde Roger Rossmeisl von Paul Barth eingestellt. Das war der richtige Zeitpunkt, denn neben Leo Fenders neuen Instrumenten, designte man bei Rickenbacker eine ganz neue Gitarrenlinie.
Die Einstellung von Roger als versierten Gitarrenbauer und die gemeinsame Energie von F.C. Hall und Paul Barth führte zu Rickenbackers ersten zeitgenössischen und modernen Elektro-Gitarren Serie.
Die COMBO 800 war ein gemeinschaftliches Resultat der Arbeit von Rossmeisl, Barth und Hall. Die nächsten acht Jahre war Roger Rossmeisl verantwortlich für die Entwicklung und Konstruktion der meisten Rickenbacker Gitarrenmodelle.

© 1955 Rickenbacker Katalog
Roger war Chef -Designer und -Konstrukteur bei Rickenbacker 
© 1950s Rickenbacker Int’l Corp / All Rights Reserved

Dort hat er sehr viele Gitarrentypen entwickelt. Für Roger Fans ist die Serie 390 besonders interessant, da sie viel sehr viel Ähnlichkeit mit den deutschen ROGER Modellen hatten. Besonders auffällig sind das „German Carve“ und der Roger typische Aufstellsteg. Er verwendete auch die vielfach gesperrten Hälse.

Ein besonders Markenzeichen seiner Gitarren sind die Schalllöcher in Form eines Kometenschweifs, die wiederum zu einem Markenzeichen von Rickenbacker wurden.
Die 390 war das rein akustische Modell, die 391 wurde mit zwei Rickenbacker Tonabnehmern bestückt und die 392 hatte Tonabnehmer und ein zusätzliches Tremolo System.

© 1950s Rickenbacker Int’l Corp / All Rights Reserved
Sam Cooke testet ein 390 bei Rickenbacker

Bei Rickenbacker hatte Roger die Möglichkeit zu experimentieren

©1950s Rickenbacker Int’l Corp
All Rights Reserved

So entstand sicherlich diese expressionistische „El Toro“ die aber leider nie in Serie ging und nur als Prototyp gebaut wurde.

Roger und die E-Gitarre
©1950s Rickenbacker Int’l Corp/ All Rights Reserved
(Roger cutom build)

Die von Roger gebaute Gitarre auf dem Bild (oben) , könnte ein Indiz dafür sein, dass sich Vater und Sohn wieder angenähert haben. Es ist sicher kein Zufall, dass man bei der Fa. ROGER-GUITARREN in Deutschland ein sehr ähnliches Modell einer hohlen Elektro-Gitarre auf den Markt brachte (siehe Katalog Bild unten). Auch die deutschen „R-Form“ Saitenhalter (inspiriert von Rickenbacker und Guild) der ROGER Gitarren lassen vermuten, dass es wieder Kontakt zwischen Vater und Sohn gegeben haben könnte.

© ROGER Katalo

Bei Rickenbacker hatte Roger sicherlich die kreativste Zeit als Gitarrenbauer und konnte sich in den USA einen legendären Ruf als genialer Gitarrenbauer und Konstrukteur erarbeiten wie sein Vater viele Jahre zuvor schon in Deutschland.

Die Fender Jahre

© Quelle: American Guitars
Roger Rossmeisl bei FENDER

1962 ging Roger zu Fender. Hier gab man ihm den Auftrag, eine neue Jazzgitarre zu entwickeln die den Markt erobern sollte. Daraus entstand die Fender Ltd, eine Gitarre im Stile der ROGER-Jazzgitarren, die er schon in den 40er und 50er Jahren in Berlin gebaut hatte.

In einer neuen Produktionsstätte in Missile Way in Fullerton, Kalifornien, entwarf er eine Produktionsanlage für die Herstellung der neuen Gitarrenlinie.

Hier ein Bericht von Rogers ehemaligem Mitarbeiter Philip Kubicky über Roger Rossmeisl und die Entwicklung und den Bau der Fender Ltd und Montego:

Die Fender Ltd wurde präsentiert als CBS, Fender´s Einstieg in den Jazzgitarren Markt. Sie diente als glanzvolles Beispiel dafür, dass Fender die Fähigkeit besaß, eine hochwertige, handgemachte und einzigartige Jazzgitarre zu produzieren, die sich gegen die bereits etablierten Jazzgitarren anderer Hersteller, vornehmlich der Firma GIBSON, behaupten konnte.
Die LTD war zu dieser Zeit die teuerste Gitarre im Fender Programm.
Roger Rossmeisl startete 1962 seine Karriere bei Fender mit dem Bau der „Acoustic King“ und von Fender Konzert Gitarren. Um 1966 wurde die Produktion an den Fender Gitarrenbauer „Babe Simoni“ übertragen. Roger wurde der Leiter der Abteilung R&D für den akustischen Gitarrenbau (R&D ist die Abkürzung von Research & Development, zu deutsch: F&E = Forschung & Entwicklung).

Seine Aufgabe bestand darin, eine neue Jazzgitarren Linie zu entwickeln. Diese neue Linie sollte aus mehreren Modellen bestehen welche auf dem Markt gefragt waren. Roger stellte mich 1964 als Arbeiter im Bereich der akustischen Gitarren Produktion ein. Ich verblieb dort, während Roger in die R&D Abteilung wechselte. So kam es, dass wir ein Jahr lang keinen direkten Kontakt mehr hatten.
Nachdem Fender 1965 von CBS gekauft worden war errichteten sie, neben den 9 alten Fender Gebäuden, ein neues 11150 Quadratmeter großes Firmengebäude. Die gesamte akustische Abteilung, einschließlich der Abteilung Banjobau (geleitet von Dean Markel) zog in dieses neue Gebäude. Die Mitarbeiter hatten, auf der Rückseite des Gebäudes, jeweils einen eigenen Eingang zu den verschiedenen Abteilungen.
Ging man durch den vorderen Haupteingang, durch zwei große Glastüren, kam man in eine großzügige Empfangshalle. Dieser Eingang führte zum Bürotrakt und wurde von einem Sicherheitsdienst bewacht. Hunderte von Mitarbeitern arbeiteten zu dieser Zeit in dem Gebäude.
Eines Morgens stand in der Empfangshalle ein großer Glaskasten auf einem Podest. Darin befand sich Roger´s erste handgearbeitete Jazzgitarre. Es war eine Schönheit in sunburst Lackierung mit vergoldetem Zubehör.
Ich dachte nur: „So, so Roger! Das war es, was Du all die Zeit gemacht hast“!
Der Grund für die Ausstellung war eine Namenssuche. Da man sich noch für keinen Namen entschieden hatte, gab es die Idee die Angestellten nach Vorschlägen für einen Namen zu befragen. Mir fielen so viele Namen ein aber ich schlug nur einen vor; „Carousel“!

Schließlich nannte man sie „Ltd“

Kurz danach bekam ich einen Anruf von Roger. Er wusste, dass ich eine Abendschule besuchte, in der ich mich im Fach Metallkunde weiterbildete. Er fragte mich etwas über „aging“, ein Metallbegriff der das Altern von Metallen beschreibt. Ich verstand gar nicht so richtig, warum er mich anrief. Vielleicht wollte er nur einmal Kontakt aufnehmen, denn kurze Zeit später lud er mich ein, seine R&D Abteilung zu besuchen welche eigentlich für niemanden, der dort nicht arbeitete, zu besichtigen war. Er hatte gerade das Design der Ltd und der Montego Jazzgitarre fertiggestellt und fragte mich ob ich sein Assistent werden möchte. Seit 5 Jahren hatte ich meine Fähigkeiten als Arbeiter in der Produktion weiterentwickelt. Dieses Angebot war eine große Chance für mich. In zwei Tagen hatte ich meinen eigenen Parkplatz neben Roger, Freddie Tavares, Seth Lover (der in Rogers-Gebäude einen Raum mitbenutze), Harold Rhoads, Gen-Felder, und anderen. Das war ca. 1968.
Roger´s Abteilung war in Gebäude 3, eines von den 9 ursprünglichen Gebäuden.
Roger hatte eine schöne Werkstatt zur Holzbearbeitung mit allen erforderlichen Maschinen für die Herstellung der Ltd. Es gab zwei große, aus Deutschland importierte Werkbänke mit 5 Zoll dicken, massiven Ahornplatten mit riesigen Einspannvorrichtungen die speziell für den Bau von Violinen, Violincello, und Gitarren angefertigt waren. Fender besitzt diese immer noch! Wir hatten eine Poliermaschine, Kanten-Bandschleifer, Fräsen, Abricht-Hobelmaschine, Spritzkabine, Bandsäge, Tischkreissäge und eine Menge von Handwerkzeugen; viele davon waren Roger´s eigene.
Die Abteilung nannte sich „Acoustic Guitar Research and Development“ aber tatsächlich wurde viel mehr gemacht. Sie wurde zur Erforschung jeglicher Prototypen genutzt. Egal ob es Holzarbeiten oder Arbeiten an elektrischen oder akustischen Instrumenten waren. Der Schwerpunkt lag bei der Ltd und der Montego aber irgendwie lief immer ein weiteres „Spezial Projekt“ parallel.

Roger beendete gerade ein Projekt mit dem Namen „Zebra Gitarre und Bass“. Zu dieser Zeit hatten die „Beatles“ und die „Rolling Stones“ einen großen Einfluss. In London entwickelten sich parallel zu den Musikrichtungen die „Mods“ und die „Rocker“. Der Zebra Projekt Gitarre, gab man daraufhin den Namen „Rocker Guitar“ und der Bass bekam, als Gegenstück, den Namen „Mod Bass“. Die Instrumente wurden aber niemals produziert es gab lediglich die Prototypen von Roger. Das Foto von Roger im Gespräch mit Wes Montgomery, vor Roger’s Werkbank im R&D, zeigt ein Zebra Gitarren Prototyp auf der Werkbank (Bild wird noch von Phil nachgereicht). Der massive Korpus bestand aus solidem Zebranoholz, geschnitzt wie die Jazz-Gitarre Ltd. Wes und sein Bruder, Monk, besuchten uns gelegentlich.
(Phil sucht das Bild noch – sobald ich es habe, wird es eingefügt! VERSPROCHEN!)

Als ich in der Abteilung anfing war Roger bereits soweit, dass die Produktions-Einzelheiten der Montego und Ltd bekannt waren. Der Montego Korpus sollte in Deutschland hergestellt werden. Dieser kam komplett verleimt inkl. der Ziereinlagen. Es war ein gut verarbeiteter Korpus, hergestellt aus europäischen Hölzern. Verwendet wurde Fichte und geflammter Ahorn, der heller war als der amerikanische Ahorn. Der Montego Korpus hatte eine gewölbte, selektierte und laminierte Fichtendecke. Zarge und Boden bestanden aus hellem, geflammtem europäischen Ahorn. Die Korpusse waren roh. Die Lackierung wurde in der R&D Abteilung gemacht.
Die Ltd war eine aus dem vollen Holz geschnitzte Jazzgitarre mit der gleichen Form wie die Montego. Die Ausformung der Hohlkehle und das spezielle und einzigartige „Carving“ hatte Roger von seinem Vater Wenzel Rossmeisl gelernt („The arch shape took place in an area 2″ from the edge of the rim. From the binding the top dipped down. 150″, then curved up .350″ all within 2″ from the rim, leaving the raised portion of the top flat.”).
Die f-Löcher wurden bearbeitet aber nicht eingefasst, um zu zeigen, dass die Decke tatsächlich aus massiver Fichte bestand. Der Boden wurde im selben, Roger typischen Stil, gearbeitet.
Die groben Fräsarbeiten wurden auf der „Northstar-Fräse“ gemacht. Dieses war eine Kopierfräse für die man ein Muster benötigte. Der Handwerker führt einen Abtaststift, an einem Arm, über das Muster. Auf einem anderen Arm (verbunden mit dem Abtaststift-Arm) ist ein Fräskopf montiert. Alles was der Abtaststift fühlt, setzt die Kopierfräse 1:1 auf dem Werkstück um. Mein Problem bestand darin, dass wir kein Muster hatten.
Der Ltd Prototyp wurde komplett von Roger in Handarbeit gefertigt. Aufgrund der Toleranzen war es eine besonders anspruchsvolle Arbeit die Fräs-Muster herzustellen. Es gab auch eine Schablone für den Boden.
Es wurden 6 Gitarren gleichzeitig hergestellt.
Die Decken wurden erst gefräst und dann geschliffen. Danach wurden die f-Löcher gestochen und es wurde eine Doppel-Bebalkung aus Fichte aufgeleimt. In einem nachfolgenden Arbeitsgang wurde diese Bebalkung noch von Hand nachgeformt. Danach verleimte man Decke und Zarge. Die Zargen der Ltd waren identisch mit den Montego Zargen und wurden auch aus Deutschland importiert.
Die Zierstreifen bestanden aus fünf Einzelstreifen die gleichzeitig angeleimt wurden. Roger hatte Freude dran, diese Zierstreifen selbst zu verleimen und er machte es deshalb oft selbst. Danach wurde alles für die Lackierung vorbereitet. Dies war ein zeitraubender Vorgang bis die Konturen perfekt ausgeformt und geschliffen waren. Dann wurde der Halsübergang gefräst und der Korpus war fertig zum Lackieren. Roger entwickelte einen Farbverlauf aus einer transparenten Farbe die sich nach der Versiegelung zum sunburst entwickelte. Die Mitte wurde mit einem schillernden Gelb gespritzt und alles mit klarem Spezial-Lack (Fullerplast) überzogen. Die Farbschicht auf den Zierstreifen wurde wieder abgekratzt. Es folgten ein weiterer Schleifvorgang und die Endlackierung. Nach dem Trocknen wurde noch einmal geschliffen und dann poliert. Am Ende wurde von Roger ein letztes Finish durchgeführt. Die Hälse für die Montego und die Ltd wurden auch von uns hergestellt. Sie waren identisch bis auf die Kopfplattenauflage und eine spezielle Einlage im Griffbrett der Ltd. Die Kopfplattenauflagen mit Perlmutt- Intarsien wurden auch in Deutschland hergestellt. Das Logo bestand aus drei gespiegelten „F´s“. Das Logo der Montego wurde inspiriert durch eine Vorlage aus dem Tropicana Hotel in Las Vegas.
Das Griffbrett der Ltd hatte eine weiße Einfassung und zusätzliche schwarz/weiß/schwarze Rand-Einlagen. Die Montego hatte nur eine einfache, weiße Griffbrett-Einfassung. Die Hälse bestanden aus geflammtem Ahorn, kanadischem „Blister“ Ahorn, mit einem Mittelstreifen aus Padauk, indischem oder Ost-indischem Palisander. In beiden Hälsen verwendete Roger Stellstäbe die in 2 Richtungen einstellbar waren.. Die Mensur betrug 64,77 cm und es wurden medium Bundstäbchen verwendet. Im Griffbrett gab es Positions-Einlagen aus Perlmutt.
Freddie Tavares entwickelte für beide Modelle die Tonabnehmer und die Elektronik. Der Tonabnehmer war ein spezieller Humbucker, entwickelt für einen Jazz-Sound. Es war ein floating System, am Hals befestigt und freischwebend über der Decke. Roger besorgte wunderschön geflammtes Perloid Material aus Italien aus dem die Schlagbretter hergestellt wurden. Diese wurden mit vielschichtigen schwarz/weißen Zierstreifen eingefasst. Die Schaltung bestand aus einem Lautstärke und einem Tonregler und einer Mini-Klinkenbuchse (alles in einem Messing-Rahmen montiert) der unter dem Schlagbrett angebracht wurde.
Wir bauten nur 36 Ltd Archtops. Eine blonde Ltd wurde im Katalog angeboten aber diese wurde nie gebaut. Ich habe alle 36 gesehen aber keine mehr, seitdem ich Fender verlassen habe. Ein paar habe ich unter der Decke signiert. Mit einem Spiegel kann man das Signum durch die F-Löcher erkennen. Im Laufe der Produktion unserer Archtops wurden wir von vielen namhaften Musikern besucht; Wes und Monk Montgomery, Joe Pass, Jimmy Stewart, Cannonball Adderly und Toots Thielmans. Diese Besuche bescherten uns unvergessliche Momente und bleibende Erinnerungen.
In unserer Abteilung für Jazzgitarren gab es, innerhalb dieser 3 Jahre, viele weiter Projekte.
1971 verließ Roger das Unternehmen und ging zurück nach Deutschland. Er versuchte so viel wie möglich von seinem Eigentum mitzunehmen. Er verkaufte einen Großteil seines Besitzes. Den Rest gab er mir.
Die Abteilung für Jazzgitarren schloss, nachdem ich die letzte Gitarre zusammengebaut hatte.
Auf Anfrage von Gen-Felder begann ich ein letztes Projekt im D&R, die erste Starcaster Gitarre.
Aber dies ist eine andere Geschichte!

Anmerkung von Stefan Lob
Zu der Fender Zeit hatten sich Vater und Sohn wieder versöhnt und Weihnachten 1964 besuchten Wenzel und Marianne Rossmeisl, Roger, seine Frau und deren Sohn, der auch Roger hieß, in deren Haus in der Nähe von Los Angeles. Den Angaben von Marianne Rossmeisl zufolge soll die Ehe von Roger zu diesem Zeitpunkt nicht mehr intakt gewesen sein.
Leider wurden die Ltd und die Montego kein Verkaufsschlager. Das lag sicherlich nicht an den Gitarren sondern an der Zeit. Für hochwertige Archtops war kaum mehr ein Markt vorhanden. Es machte Roger sicherlich schwer zu schaffen, dass er nicht mehr an seine Erfolge bei Rickenbacker anknüpfen konnte. Dieses und seine privaten Probleme waren sehr wahrscheinlich die Gründe warum er nach Deutschland zurückkehrte.
LTD von Friedrich Hoppe alias Fritz Blitz

Diese Ltd kaufte Friedrich Hoppe in den 80er Jahren. Der original Verkaufspreis lag bei ca. 8500 DM aber er bekam Sie zu einem weitaus besseren Preis, da sie bereits 5 Jahre unverkauft im Musikgeschäft lag und es einfach keinen Käufer für dieses wundervolle Instrument gab.

Es ist die Nummer 30 mit einer Unterschrift von Roger Rossmeisl. Das Datum der Unterschrift ist der 30.6.71.
Friedrich besitzt auch noch original Kataloge aus dieser Zeit die er mir als Scan zur Verfügung gestellt hat.

1971 bis 1979 zurück in Deutschland

Dieser Lebensabschnitt war sicherlich die traurigste und schlimmste Zeit in Rogers Leben.

Tief enttäuscht von der Fender Pleite kam er 1971 nach Deutschland zurück. Er brachte nichts mit in seine alte Heimat außer ein paar Werkzeugen und einen amerikanischen Straßenkreuzer. Ob er noch weiter im Gitarrenbau oder Handel beschäftigt war ist mir nicht bekannt. Sein Alkoholproblem, das seit der Berliner Zeit sein ständiger Begleiter war, hat er nie in den Griff bekommen. Ein Zeitzeuge berichtet, dass Roger sich 1979 in einem Hotel in Bubenreuth erhängt hat.

Abschließende Betrachtung

© 1950s Rickenbacker Int’l Corp All Rights Reserved

Roger Rossmeisl war ein Mensch der sicherlich polarisierte. Auf der einen Seite ein genialer Konstrukteur und Gitarrenbauer auf der anderen Seite ein labiler Mensch mit Suchtproblemen, der es oft nicht leicht hatte von seinen Mitmenschen verstanden zu werden und sicherlich hatte seine Umwelt auch Schwierigkeiten ihn zu verstehen. Wie so oft, liegen bei hochkreativen Menschen, Genie und Wahnsinn eng beieinander.

Er wollte so erfolgreich sein wie sein berühmter Vater. Aus meiner Sicht hatte er dieses, Ziel in seiner Rickenbacker Periode längst geschafft. Sein Bekanntheitsgrad in den USA ist größer als der seines Vaters.

Für mich ist er einer der genialsten und kreativsten Gitarrenbauer des letzen Jahrhunderts.

Danksagung und Quellen

Philip Kubicki
Er begann seine Karriere bei Fender Musical Instruments, 1964. Neun Jahre arbeitet er dort und beschrieb sein Zeit mit Roger Rossmeisl in den beiden Artikel für die Zeitschrift “Vintage Guitar Magazin“:

Freundlicherweise stellte er mir das gesamte Material für meine Webseite zur Verfügung und ich durfte seine Texte frei ins deutsche übersetzen. Seine Texte sind an den gelben Kästen zu erkennen. Wer wissen möchte was Phil heute so macht schaut am besten mal auf seine Webseite:
www.kubicki.com

Herbert Rittinger
Herbert Rittinger möchte ich ganz besonders danken. Nicht nur für das Material, das er mir zur Verfügung stellte und seinen unglaublich gelungenen Artikel über Roger Rossmeisl. Er steht mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite und trägt sehr viel zum Gelingen von schlaggitarren.de bei!

Rudi und Thomas Bremer
Herr Bremer hat mir in Eindrucksvoller Weise seine Zeit mit den Rossmeisls geschildert. Von Ihm stammen viele Informationen. Vielen Dank für das tolle interview. Vielen Dank auch an seinen Sohn Thomas Bremer der mir den Kontakt zu seinem Vater und zu Klaus Andrees vermittelt hat.

Firma Rickenbacker
Rickenbacker hat auf der Webseite ein umfangreiches Archiv an Galerie Bildern und historischen Katalogen. Da ich es nicht schaffte einen direkten Kontakt zu Rickenbacker herzustellen, half mir der deutsche Rickenbacker Vertieb peerpro-enterprises GmbH.

Stefan Lob für schlaggitarren.de im Juli 2009