KAPITEL02   BERLINER ZEIT / GERMAN- CARVE / MARKNEUKIRCHEN

DIE BERLINER ZEIT 1945 – 1947

Sofort nach Kriegsende war Wenzel Rossmeisl, für ca. 9 Monate bei A. HOYER in Bubenreuth tätig, wo er die erste doppelhalsige Hawaii-Gitarre entwickelte.  Wenzel war während dieser Zeit nur sporadisch in Bubenreuth anzutreffen denn er war gleichzeitig mit dem Aufbau seiner eigenen Produktion beschäftigt.

Der erste Angestellte von WR war sein Sohn Roger, welcher nach dem Ende des Krieges, in der Werkstatt von Franz Hirsch die neuen ROGER-Gitarren endmontierte, während sein Vater auf dem Schwarzmarkt mit Materialen handelte, die für die Herstellung von Zupf- und Streichinstrumenten dringend benötigt wurden. Auf diese Weise kam Wenzel zu Geld, das er dringend für seine eigene  Fertigung benötigte.

Die ersten nach dem Krieg entstandenen Gitarren mit dem Label „Berlin Lutherstraße 27“, entsprechen, mit Ausnahme der vergrößerten F-Löcher, exakt den Vorkriegsmodellen.

Alle Gitarren mit gewölbtem Korpus wurden von Franz Hirsch hergestellt.

Die schwarzen Spatzen 1946
Quelle:   Thomas Buhé

Herbstmesse 1947 in Leipzig
Quelle:   Thomas Buhé

ENTWICKLUNG IN DEN JAHREN 1946 / 50

Die größten Entwicklungsschritte in der Geschichte der ROGER-Guitarren fanden im Zeitraum 46 bis 50 statt:

Modell 16,5 Inch mit tiefem Cutaway

Bereits bei der Erstellung der ersten Ausgabe meines ROGER- Artikels, im Juli 2009, ist mir bei der Sichtung des Bildmaterials eine weiße Gitarre aufgefallen, die WR am 3. Sept. 1947, anlässlich einer Session bei Dr. Bohrmann gespielt hat. Diese Gitarre mit den tropfenförmigen Schalllöchern ähnelt dem Modell SUPER, aber es hat den Anschein, dass die Decke gewölbt ist. Der Ausschnitt und die Korpusspitze  weisen eine etwas andere Form auf, als die bekannten Modelle. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Erklärung für diese Ungereimtheiten. Dies änderte sich schlagartig, als ich kurze Zeit nach der Veröffentlichung meines Artikels, Bilder von 3 Gitarren zugeschickt bekam, von denen der Absender behauptete, dass es sich um originale ROGER-Guitarren handelt. Eine davon hatte ein tiefes Cutaway, Decke und Boden waren gewölbt und sie hatte auf der Kopfplatte das typische ROGER-Logo.  Auf der Bodeninnenseite war das Berliner Label eingeklebt auf dem die Modellbezeichnung „Super Spezial  Nr. 401“ eingetragen war. Zuerst einmal war ich misstrauisch, aber dann erinnerte ich mich plötzlich an jene weiße Unbekannte von der Bohrmann Session und siehe da, es war genau das gleiche Modell. Als ich Thomas Buhè auf diese Entdeckung ansprach, stellte sich heraus, dass die weiße ROGER von 1947 sich unter den 10 Gitarren befunden hatte, die dieser auf der Frühjahrsmesse 1951 vor dem Zugriff der Stasi in Sicherheit gebracht hatte.  An das ungewohnte, tiefe Cutaway und die helle Lackierung konnte er sich noch gut erinnern. Als er seinerzeit Marianne Rossmeisl auf die ungewöhnliche Gitarre ansprach, bekam er als Antwort, dass es sich bei dieser um ein äußerst wichtiges Versuchsmodell handle.

Dank der unzähligen Bilder und Dokumente, aus dem persönlichen Verlass von Marianne Rossmeisl, die ich im April 2014 in die Hände bekam, konnte nun das Geheimnis um diese mysteriöse Gitarre gelüftet werden. Im Jahre 1939, also zu Beginn des 2. Weltkriegs, hatte Lloyd Loar bei GIBSON, mit seiner L5 P wieder einmal für Furore gesorgt. Die L5 P war die erste Archtop mit einem venezianischen Cutaway. Dank dieser genialen Erfindung wurde die  Bespielbarkeit des Griffbretts in den hohen Lagen deutlich verbessert.

Wenzel Rossmeisl, selbst einer der besten Jazzgitarristen seiner Zeit, war begeistert von dieser Neuheit. Für ihn gab es überhaupt keinen Zweifel, dass er seine Gitarren künftig mit einem Cutaway ausrüsten würde. Der Krieg verhinderte zunächst jedoch jegliche Aktivitäten, aber sofort nach der Heimkehr aus der Gefangenschaft begann WR, dieses Projekt in die Tat umzusetzen. Dazu benutzte er das bisherige 16,5 Inch Modell als Basis. Das Cutaway wollte er nicht sklavisch übernehmen. Es sollte so tief wie nur möglich sein, um noch weiter mit der Greifhand nach vorne zu kommen. Darüber hinaus sollte sich seine Ausführung auch optisch vom Original unterscheiden.

Wie schon die Jahre zuvor, war Franz Hirsch für die praktische Umsetzung dieser Weiterentwicklung verantwortlich. Dieser war nach dem Krieg, wie die meisten Gitarrenbauer aus dem Osten, in den Westen geflohen. Seine Werkstatt in Schönbach, die auch die Produktionsstätte von Wenzels ROGER GUITARREN war, wurde von den Tschechen beschlagnahmt. In Tennenlohe und später in Bubenreuth fand FH eine neue Heimat. In der Folge wurden mehrere Gitarren mit tiefem Cut von Franz Hirsch gebaut und nach Berlin geliefert. WR hat diese Neuentwicklung bei seinen meisten Auftritten 47/48 gespielt und sie wurde 1947, auf der  Nachkriegsmesse in Leipzig, präsentiert.

Leider ist diese hervorragende Entwicklung bei ROGER nie in Serie gegangen, weil Wenzel sich für die Fertigung seiner, zur selben Zeit entwickelten Modelle mit German-Carve, entschieden hatte. Das German-Carve-Fertigungsverfahren erst machte ihm die eigenständige Produktion seiner Instrumente, mit vergleichsweise geringem Arbeits-und Investitionsaufwand möglich. Dazu eröffnete er 1948 in Berlin, in der Lützowstraße 69, eine eigene Werkstatt. Die Produktion der gewölbten SUPER-SPEZIAL hätte nicht ins eigene Fertigungsprogramm gepasst.

Ab dem Zeitpunkt wo WR seine Geman-Carve Modelle selbst produzierte, war die Zusammenarbeit mit Franz Hirsch beendet. Die Trennung erfolgte nicht im besten Einvernehmen. WR musste wohl oder übel FH die Nutzerrechte an diesem Modell einräumen, da dieser nicht unwesentlich an der Entwicklung beteiligt gewesen war. So konnte FH dieses Gitarrenmodell anderen Gitarrenbauern anbieten. Mit durchschlagendem Erfolg, wie sich bald herausstellte, denn alle namhaften Hersteller haben dieses Modell in ihr Programm aufgenommen. Die Firma A. Hoyer zählte wohl zu den ersten Abnehmern, denn in deren Katalog von 1948 ist dieses Modell bereits aufgeführt. Es ist davon auszugehen, dass ein guter Teil der frühen Modelle aus der Werkstatt von FH stammen.

Die von A. Hoyer vertriebenen Instrumente wurden zum großen Teil von Gustav Glassl gebaut. Dieser hatte seine Lehre bei FH zu Kriegsbeginn abgeschlossen und arbeitete nach dem Krieg, bis 1949, bei der Firma Hoyer, die er auch nach dem Beginn seiner Selbstständigkeit, im Jahre 1950, belieferte. Ein Indiz für die Arbeit von Glassl sind die Ausrundungen der tropfenförmigen Schalllöcher an deren Spitzen. Das Prinzip der Verringerung der Kerbwirkung durch scharfe Ecken und Kanten, zum Schutze der Hölzer gegen Rissbildung hat Gustav Glassl von Artur Lang übernommen. 

Das Modell ROGER-SUPER-SPEZIAL ist das Referenzmodell aller nachfolgenden Kopien von anderen Herstellern.

Interessanterweise wurde dieses Design nur von Gitarrenbauern im Westen übernommen. Der Grund hierfür war, dass sich in Wenzel Rossmeisls Werkstatt in Markneukirchen, zum Zeitpunkt der Enteignung, kein solches Modell befunden hatte.

Außerdem hatten die neuen Verantwortlichen dort zunächst alle Hände voll zu tun, die Produktion und den Vertrieb in Gang zu bringen. Darüber hinaus wäre für solch ein Vorhaben eine völlig andere  Struktur bezüglich Fertigungseinrichtungen und Fachpersonal vonnöten gewesen.

Aber auch international bestand wohl kein großes Interesse an dieser neuen Bauart. Mir ist jedenfalls bis dato noch kein Exponat dieser Bauart z.B. aus Übersee bekannt.

Aus persönlichem Interesse habe ich mich angeboten, die Super Spezial Nr. 401 zu restaurieren.

Dadurch hatte ich die einmalige Gelegenheit dieses geschichtsträchtige Modell bis ins kleinste Detail kennen zu lernen. Die Geschichte dieser seltenen Gitarre, nebst Bildern und Daten, habe ich in einem Restaurationsbericht dokumentiert.

Fast alle Hersteller im Westen hatten diese Korpusform im Programm.

Hier einige der bekanntesten:

  • ALOSA Solist / Lux
  • BAUER Virtuose
  • FRAMUS Black Rose de Luxe / Missouri / Sorella / Royal
  • HOPF 319
  • HOYER A. Solist
  • HÜTTL Pique Dame
  • LANG Prämus / Mastro Arturo
  • NEUBAUER
  • PENZEL
  • VOSS
  • ALOSA Solist / Lux

GUSTAV GLASSL war wohl der bedeutendste Hersteller dieser Bauform. Einige der oben aufgeführten Hersteller/ Vertreiber wurden von ihm beliefert.

Roger Super Spezial Nr. 401 restauriert von 1947      Quelle:   HR
Roger Super Spezial Nr. 401, Label                                                                       Quelle:  HR
 

Modell 16,5 Inch Non Cut mit German-Carve 1948

Der nächste bedeutende Schritt war die Entwicklung des GERMAN Carve. GERMAN CARVE ist ein Verfahren zur Herstellung von Decken und Böden aus planen Rohholzplatten, bei denen die Hohlkehle mittels eines Profilwerkzeugs ausgefräst wird. Der Name dieses Verfahrens stammt aus dem Englischen und bedeutet DEUTSCHE SCHNITZEREI. Über das Verfahren und seine Entstehung wird im übernächsten Kapitel ausführlich berichtet.

Modell 17 Inch mit German-Carve und venezianischem Cutaway 1949

Dieses Modell wurde 1949 entwickelt und ist eine Novität die sich in folgenden Punkten von den Vorkriegsmodellen unterscheidet:

  • Der Korpus ist mit 43,5 cm, um 1cm breiter, bei gleicher Länge und Zargenhöhe
  • Decke und Boden sind plan, die Hohlkehle ist ausgefräst (German Carve)
  • Auf die separate schwarze Kopfplatte mit Ziereinlagen aus Perlmutt wurde verzichtet. Die Optik der verleimten Hölzer, naturfarben lackiert, bestimmen das künftige Design. Am Kopfplattenende ist eine trapezförmige Plastikplatte ins Holz eingelassen in welcher das ROGER-Logo eingebettet ist.
  • Der Modellname AMATEUR wird durch den Namen JUNIOR ersetzt.
  • In diesen Zeitraum fällt auch die Einführung des parallelen Halsfußes und des venez. Cutaways.
  • Die Lackierung der Hälse ist nun einheitlich natur

GERMAN-CARVE – Historie

Die wohl am meisten beachtete Erfindung in der Entwicklung der Jazzgitarre ist, abgesehen von der Einführung des elektrischen Tonabnehmers, das von Wenzel Rossmeisl erstmalig angewendete und patentierte Verfahren zur Herstellung von ein-oder mehrschichtigen, parallelen Decken und Böden von Jazzgitarren. Sein Sohn Roger nahm dieses know-how mit nach Amerika, wo es unter dem Begriff  GERMAN-CARVE weltweite Berühmtheit erlangte. Seitdem ich damit begonnen hatte alte deutsche Schlaggitarren zu sammeln und zu restaurieren, beschäftigte mich die Frage, wie es zu dieser Erfindung kam.

Als Wenzel Rossmeisl nach dem Krieg wieder mit der Herstellung seiner Gitarren begann, lag Berlin in Trümmern. Es herrschte überall große Not. Selbst die einfachsten Dinge des täglichen Lebens waren nur sehr schwer zu beschaffen. Durch die kriegsbedingte Teilung Deutschlands und die Vertreibung großer Teile der Bevölkerung aus ihrer Heimat, gab es einen Überschuss an Fachkräften jeglichen Berufsstandes. Immer größere Schwierigkeiten traten jedoch bei der Beschaffung von geeignetem Tonholz auf. Der Absatz der Instrumente boomte und damit verschärfte sich der Mangel an brauchbarem Holz dramatisch. In dieser Zeit wurde alles verarbeitet was nach Holz aussah, egal ob es sich um Teile von alten Möbelstücken oder Holzpaneelen von ehemals luxuriösen Wohnungsausstattungen handelte. Selbst Buchenbretter mussten als Material für die Böden herhalten. Der Mangel an Rohlingen mit der erforderlichen Dicke war so groß, dass es keine andere Möglichkeit gab als den Boden einfach plan zu belassen.  Auf der verzweifelten Suche nach dem begehrten Rohstoff stieß WR auf eine völlig neue und überaus ergiebige Quelle. Bei einigen Holzhändlern im Vogtland und im alpenländischen Raum lagerte bestes Tonholz, das für die Herstellung von Resonanzböden für Pianos bestimmt war. Abnehmer für diese Hölzer gab es zu diesem Zeitpunkt so gut wie keine, denn wer konnte sich schon so kurz nach dem Krieg ein so teueres Instrument leisten?  Der Haken dabei war, dass die Holzplatten eine gleichbleibende Dicke von 7,5 mm hatten, für eine gewölbte Decke aber ungefähr 20 mm erforderlich sind. Der Gedanke, mehrere Bretter zusammenzuleimen lag nahe und war auch nicht neu, denn Sperrholz war zu jener Zeit schon bekannt.

Wenzel hatte mit Sicherheit Kenntnis davon, dass dieses Verfahren bereits patentiert war, denn um seine Gitarren künftig in der Art produzieren zu können, ohne bestehende Schutzrechte zu verletzen, musste er sich von diesen unterscheiden. Dies gelang ihm dadurch, dass er sich auf drei gleichsinnig verleimte Holzschichten beschränkte, in die am Rand eine Hohlkehle eingefräst ist. Dieses leicht abgewandelte Verfahren hat WR später dann selbst zum Patent angemeldet.

Mit dem Produktionsbeginn der Gitarren nach dem neuen Herstellungsverfahren endete die Zusammenarbeit mit Franz Hirsch.

GERMAN-CARVE – Beschreibung

Voraussetzung für die Herstellung von Decken und Böden nach diesem Verfahren sind parallele, ein- oder mehrschichtige Holzplatten von ca. 16-20 mm Dicke. Mittels einer Oberfräse wird  eine Hohlkehle mit 25 mm Radius und einer Tiefe von 7-10 mm, parallel zur Außenkontur ausgearbeitet. Die Randbreite nach dem Fräsen beträgt ungefähr 2 cm. Im nächste Schritt wird die Platte auf der Unterseite, ebenfalls mit einem Profilwerkzeug, in einem definierten Abstand zur vorhandenen Hohlkehle, auf eine verbleibende Dicke von ca. 6 bis 9 mm ausgefräst. Die endgültige Fertigbearbeitung der Außenseite von Decke und Boden erfolgt erst, nachdem der Korpus, inklusive Randstreifen, fertig verleimt ist.  Der Auslauf der Hohlkehle wird bis zum Beginn der Randzierleiste erweitert.

Bei ROGER war die Nachbearbeitung der gefrästen Kontur auf beiden Seiten reine Handarbeit die in der Regel von gelernten Geigenbauern durchgeführt wurde.

Eine genaue Vermessung der fertigen Decken- und Bodenprofile meiner 14 ROGER-Gitarren aus den verschiedensten Epochen lieferte recht unterschiedliche Ergebnisse, die zum Teil auch optisch deutlich wahrnehmbar sind. Adolf Feil, ein Geigenbaumeister aus Traunstein, der von 1956 bis 1961 bei ROGER tätig war, bestätigte, dass das Carving von den einzelnen Geigenbauern individuell gehandhabt wurde. Er selbst war ein Anhänger der weichen Kontur.

Das neuartige, geniale Verfahren zur Herstellung von Decken und Böden für Jazzgitarren hat zwei herausragende Eigenschaften:

  • erweiterte Nutzung und Einsparung von wertvollem Tonholz
  • geringere Herstellkosten gegenüber von Hand gestochenen oder kopier-gefrästen Decken u. Böden.

Aufgrund dieser Vorteile wurde dieses Herstellungsprinzip bei allen Instrumenten, also auch bei denjenigen mit einschichtigen Decken und Böden angewendet.

Im Bildarchiv von Norbert Schnepel, das dieser mir großzügig zur Verfügung gestellt hat, fand ich ein eigenartiges Exemplar einer JUNIOR.  Dieses Instrument wurde aus originalen ROGER-Teilen von fremder Hand zusammengefügt.  Leider hat der Erbauer auf die Fertigbearbeitung der Decke und des Bodens, aus Unkenntnis, oder aus Bequemheit? verzichtet.  Diese sind nämlich nur vorgefräst.  Die Kanten sind nur minimal verschliffen worden und so ist noch der plane, parallele, äußere Rand mit ca. 15 mm Breite vorhanden.  Der Rickenbacker- Saitenhalter verstärkt noch das ungewöhnliche Erscheinungsbild.

Mit der Einführung des German-Carve erfolgte eine nochmalige Vergrößerung der F-Löcher.

GERMAN-CARVE – Patente

Bereits im Jahre 1897 erhielt Dr. Johannes Moser aus Berlin ein Patent auf mehrschichtige Decken und Böden mit ausgekehltem Rand und im Jahre 1912 patentierte Wilhelm Steuer aus Berlin das Verfahren, Resonanzböden für Klaviere aus kreuzweise verleimten Furnierholzplatten herzustellen. Die vorgenannten zwei Patente erscheinen als Gegenhaltungen zum Stand der Technik in der Patentschrift von Wenzel Rossmeisl.

Da WR, bei der Vorstellung seiner Neuheit, auf der Frühjahrsmesse 1951 in Leipzig verhaftet wurde, konnte er die beabsichtigte Patentanmeldung nicht vornehmen. Dies tat er dann am 30.09.1955 nach seinem Neustart in Mittenwald. Seine Anmeldung wurde am 26. März 1959 patentiert.

Für WR hatte dieses Patent sicherlich nur einen werbewirksamen und immage-fördernden Effekt.

Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung im Patentwesen bin ich davon überzeugt, dass ein wirksamer Schutz vor Nachahmern zu keiner Zeit gegeben war. Im Falle einer Nichtigkeitsklage wäre das Patent, wegen Vorbenutzung, leicht zu kippen gewesen. Aus heutiger Sicht bestünden für Wenzels Anmeldung, wegen mangelnder Erfindungshöhe, nur sehr geringe Chancen auf ein Patent.  Ein Gebrauchsmuster wäre für mich schon ein Erfolg. Für die Prüfer des deutschen Patentamts galten kurz nach dem Krieg aber andere Maßstäbe.

DIE BERLINER ZEIT 1947 – 1951

Außer der in der nachfolgenden Rubrik „HÄLSE“ beschriebenen Rationalisierung bei der Halsproduktion sind, nach 1949 keine nennenswerten Veränderungen an den ROGER-Gitarren, in dieser Periode, passiert. Der Absatz boomte. Mit dem Umzug 1948 in die Lützowstraße 69,  waren die erforderlichen Voraussetzungen für das stark expandierende Unternehmen geschaffen.  In einem repräsentativen Ausstellungs- und Verkaufsraum hatte ROGER erstmals die Möglichkeit, sich angemessen zu präsentieren.

Die Verstärker kamen von der Firma Bremer.  Später wurden auch welche aus den USA importiert. Ausführliche Informationen über Tonabnehmer und Verstärker gibt es in dem Artikel über Roger Rossmeisl. 

Roger-Verstärker Quelle: Katalog

WERKSTATT IN MARKNEUKIRCHEN  

Zeitgleich mit dem Umzug von der Lutherstraße in die Lützowstraße 69, pachtete WR, im Jahre 1948, die Werkstatt des Instrumentenbauers und Lautenisten, Peter Harlan.  Die vorhandenen Holzbestände, vor allem Decken und Böden von Lauten und Gitarren wurden käuflich erworben. Sie waren, zu der Zeit, wo ein ungeheuerer Mangel an Tonholz herrschte, Wenzels wichtigstes Kapital. Die Filiale befand sich in Markneukirchen, Obere Straße 1, direkt am Marktplatz, mit Zugang im Hinterhaus. Wenzels Absicht war, die dort billigeren Fachkräfte, Werkstoffe und Zulieferkomponenten zu nutzen. Eine weitere Möglichkeit den Gewinn zu optimieren lag in dem für ihn günstigen Wechselkurs der harten D-Mark zur schwachen Ostmark der DDR.  Als findiger und mit allen Wassern gewaschener Geschäftsmann nutzte WR alle sich ihm bietenden Möglichkeiten konsequent aus. Ein weiterer, wichtiger Grund für den Schritt nach Markneukirchen dürften auch die heftigen familiären Streitigkeiten gewesen sein. Schon vor Kriegsbeginn war WR aus der gemeinsamen Berliner Wohnung ausgezogen und wohnte seitdem mit seiner Mitarbeiterin Marianne Rorarius, die für ihn zwischenzeitlich geschäftlich und auch privat unersetzlich geworden war, in Markneukirchen, in der Breitenfelderstr. 16. Mit der örtlichen Neuorientierung fand eine radikale betriebliche Umstrukturierung statt. In kürzester Zeit wurde die gesamte Produktion nach Markneukirchen verlagert. Die Werkstatt in Berlin wurde fortan als Custom Shop und für Verkaufs- und Repräsentationszwecke genutzt. WR transportierte turnusmäßig die gefertigte Ware in seinem PKW mit Anhänger nach Berlin, von wo aus diese in den Verkauf gelangte. Die gesamte Hardware für alle Instrumente stammte aus Markneukirchen. Ehemalige Mitarbeiter aus der Ostfiliale  berichten von einem schwungvollen und sehr gefährlichen Schmuggel von Holz, Etuis, Plüsch, Bunddraht, Schelllack und sonstigem Zubehör.

DIE BERLINER ZEIT 1951 – 1953

Wie so oft im Leben waren auch hier, zum Zeitpunkt des größten Erfolges, bereits dunkle Wolken am Schicksalshorizont aufgezogen. Die zerbrochene Ehe mit seiner Frau Elisabeth, sorgte für andauernden Familienzwist.

Im Frühjahr 1951, auf der Leipziger Messe, schlug dann das Schicksal erbarmungslos zu.  Wenzel wurde verhaftet und wegen Vergehens gegen das Devisengesetz zu 4 Jahren schwerem Zuchthaus verurteilt. Sein gesamter Besitz in Markneukirchen wurde eingezogen. Die Enteignung erfolgte zu einem Zeitpunkt, als sich ein umfangreicher Exportauftrag von 200 Gitarren kurz vor der Auslieferung befand und das Lager prall gefüllt war mit fast fertigen Instrumenten, Halbfertigprodukten, Rohmaterial und Hardwarekomponenten.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass belastendes Material, das zur Verhaftung von WR führte, von seinem näheren Umfeld der Stasi zugespielt wurde.

Zum Zeitpunkt von Wenzels Verhaftung, waren folgende Mitarbeiter in Markneukirchen beschäftigt:

  • Roman Schuh – Geigenmacher, Zubehörteile-Verfertiger
  • Dieter Hense – Zupfinstrumentenbauergeselle
  • Wolfgang Übel – Zupfinstrumentenbauergeselle
  • Karl Keller, externer Mitarbeiter, fertigte auch Roger-ähnliche Modelle die T. Buhe für ihn verkaufte
  • Claus Voigt – kaufmännischer und organisatorischer Leiter

Zehn Gitarren, die Thomas Buhé auf abenteuerliche Weise vom Messestand retten konnte und zwei Koffer mit  persönlichen Habseligkeiten waren das gesamte Vermögen das Wenzel und seiner Marianne verblieben war. Die ausführliche Geschichte über dieses wagemutige Abenteuer kann man im Buch MEIN KALEIDOSKOP, von Thomas Buhé,  nachlesen.

Aus der ehemaligen ROGER-Filiale entstand, nach Zusammenlegung mit zwei weiteren enteigneten Werkstätten für Zupfinstrumente, ein Jahr später, die Firma MUSIMA.  Die neuen Besitzer haben nicht nur die Fabriken gestohlen, sie benutzten auch ungeniert die Mitarbeiter und das gesamte Fertigungs-know how.  Aus dieser Zeit existieren komplette ROGER-Gitarren ohne Logo.  Als dann irgendwann die Originalteile aufgebraucht waren, erschienen Instrumente mit einem Mix aus ROGER- und MUSIMA-Komponenten.  Das Topmodell RECORD von dieser Firma, das 1955 auf den Markt kam, ist baugleich dem ROGER-Modell SUPER-ULTRA, nur der Hals ist von MUSIMA. Die Qualität dieser Plagiate konnte jedoch nie das ROGER-Niveau erreichen.

Nach der Verhaftung von Wenzel Rossmeisl übernahm sein Sohn Roger Raimond die Führung der Berliner Filiale in der Lützowstraße in Berlin.   

Er hatte ein Jahr zuvor seine Meisterprüfung abgelegt und war 1950, im Alter von 23 Jahren,  der jüngste Meister in seiner Zunft.  Seine handwerklichen Fähigkeiten waren herausragend. Auf diesem Gebiet war er seinem Vater überlegen. Gänzlich unerfahren aber war er in der Leitung eines Betriebs. Hinzu kam, dass das gesamte Holzlager inklusive Hardware-Lagerbeständen nicht mehr verfügbar war. Ebenso fehlte ein Teil der für eine rationelle Fertigung benötigten Maschinen und Vorrichtungen. Über Nacht ist damit die Produktion und der Verkauf von ROGER-GUITARREN total zusammengebrochen. Fürs erste musste sich Roger damit begnügen, die in der Berliner Filiale gelagerten Einzelkomponenten zu kompletten Gitarren zusammenzufügen. So wurden die in den Jahren 46/47 von Franz Hirsch gelieferten Prototypen mit gewölbter Decke und tiefem Cutaway zu neuem Leben erweckt. Auch die Restbestände von Komponenten der German-Carve-Modelle wurden allesamt verbaut. Dabei wurde in Kauf genommen, dass nicht alle Teile die gewohnte Qualitätsnorm erfüllten.  Komponenten die fehlten, mussten einzeln, in Handarbeit, hergestellt werden. Die Beschaffung von geeignetem Tonholz war das größte Problem. Da trockene, mehrjährig gelagerte Hölzer nicht in ausreichendem Maß zu beschaffen waren, war Roger gezwungen, mit Hilfe einer Trocknungsanlage, das frisch geschnittene Holz für den nachfolgenden Verarbeitungsprozess tauglich zu machen. Nicht minder schwierig war es, passende Halsrohlinge zu bekommen. Um der ungeheueren Belastung, ohne eingelegte Verstärkung, auf Dauer trotzen zu können, müssen die Rohblöcke, aus denen man die Halsrohlinge gewinnt, mittels eines speziellen Verfahrens hergestellt werden, bei dem die einzelnen Holzplatten mit Kaurit-Leim unter großer Hitze und ungeheuerem Druck verleimt werden. Dazu sind Pressen mit 50 Tonnen Druckkraft erforderlich, die sich kleinere Werkstätten nicht leisten können. Der enteignete ROGER-Betrieb in Markneukirchen besaß eine solche Presse, aber diese Quelle war versiegt. Die Halsrohlinge die Roger nun erwerben konnte hatten weniger Lagen. Dies ist das auffälligste optische Merkmal im Vergleich zu den Gitarren aus Markneukirchner Produktion.

Erst als das benötigte Rohmaterial wieder zur Verfügung stand, konnte die Serienfertigung allmählich anlaufen. Dazu war aber auch zusätzliches Personal notwendig. Roger stellte sofort die gelernte Geigenbaumeisterin Olga Adelmann ein, die sich in einer finanziellen Notlage befand und bereit war für einen Mindestlohn zu arbeiten.

Auch Heimarbeiter und Praktikanten wurden eingestellt. Einer von ihnen war Klaus Andrees, der im Zuge seines Architektenstudiums als gelernter Holzbildhauer ein Praktikum bei Roger absolvierte.

Am Sonntag, den 17. August 1952 fand ein medienwirksames Ereignis statt, das von Reportern der Berliner Tageszeitung TELEGRAF zum Anlass genommen wurde, über die legendären ROGER-GUITARREN einen Artikel zu veröffentlichen.  In der Berliner Badewanne, einem der ältesten und bekanntesten unter den Jazzclubs in Berlin, überreichte Roger Rossmeisl dem Gitarristen Johannes Rediske eine ROGER-SUPER-SPECIAL-CA mit der Seriennummer 777. Diese Gitarre, wie auch die Nummer 333 für Django Reinhardt stammte aus der Prototypenserie, die Franz Hirsch 1946 an Wenzel Rossmeisl geliefert hatte. Die Nummern für diese beiden Gitarren sind von Roger zum Teil willkürlich vergeben worden und passen  deshalb  nicht immer in das fortlaufende Nummernsystem. 

Hier die Bilder des Artikels im TELEGRAF und ein Foto von Barney Kessel mit seiner ROGER-SUPER

Auf dem Bild „Der Ton macht die Musik“ von der Reportage des Telegraf, sieht man Roger mit einer Holzplatte vor seinem Trocknungsgerät.

Dieses Ereignis ist gleichzeitig der Höhepunkt des kometenhaften Aufstiegs der Firma ROGER. Hinter den Kulissen sah es derweil längst nicht mehr so rosig aus. Aufgrund seiner charakterlichen Veranlagungen war Roger Rossmeisl niemals in der Lage einen Betrieb längerfristig erfolgreich zu führen. Der Verlust des gesamten Kapitals der Filiale in Markneukirchen und der leichtfertige, luxuriöse Lebensstil von Roger sorgten sehr schnell für heftige finanzielle Turbulenzen. Der Betrieb geriet immer schneller in den Abwärtsstrudel. Der finanzielle Ruin war nicht mehr aufzuhalten, obwohl es an Aufträgen nicht mangelte. Um seinen Gläubigern zu entkommen blieb Roger nur noch die Flucht nach Amerika. In Windeseile löste er den Betrieb auf und verließ sein Heimatland.  Als die Firma ROGER zum 30. September 1953 ihre Pforten schloss,  weilte Roger bereits in Amerika, während Wenzel im Zuchthaus noch nichts davon ahnte, dass er aufgrund einer Amnestie das Gefängnis frühzeitig verlassen würde.

Bilder einer Gitarre die Roger, am 23. 08. 53, kurz vor seiner Abreise,  zusammengebaut und signiert hat.

Sofort nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten bewarb sich Roger Rossmeisl um die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dabei konnte er sich auf die Unterstützung von prominenten Persönlichkeiten aus der Jazzgitarrenbranche verlassen, die die Rossmeisls gut kannten. Bereits kurze Zeit später war Roger amerikanischer Staatsbürger, was durchaus ungewöhnlich war, da eine Einbürgerung normalerweise viele Jahre dauert. Dabei ist der Nachweis eines tadellosen Leumunds und einer liberalen politischen Gesinnung unabdingbar. Wie sich vor nicht allzu langer Zeit herausstellte, entsprachen die Angaben zu seinem beruflichen Werdegang nicht in allen Punkten der Wahrheit.

In einem Artikel des Vintage Guitar Magazins berichtet Philipp Kubicki, ein ehemaliger Angestellter von Roger, bei Fender in Fullerton, was ihm sein Chef, Roger Rossmeisl, über dessen 8 Jahre dauernde  Ausbildung, mit Diplom zum Gitarrenbauer, an der Geigenbauschule in Mittenwald erzählt hatte.

Das führte im Rahmen der Recherchen für den vorliegenden ROGER-Bericht, zum beruflichen Werdegang von Roger, zu erheblichen Irritationen, da weder Roger Rossmeisl noch sein Ausbilder Franz Hirsch in Mittenwald bekannt sind.

Erst durch die Recherchen von Kaspar Glarner und Luc Quelin, die einen Film über den Einfluss von Roger Rossmeisl auf die Gitarrenentwicklung in den USA, in den 50er und 60er-Jahren, gedreht haben, konnte dieses Mysterium aufgeklärt werden.

Auf youtube kann ein Trailer von diesem Film angesehen werden.

Auskünfte zu diesem Film snd unter der nachfolgend Email-Adresse erhältlich:
permanentfilms2@gmail.com

Es stellte sich heraus, dass Roger Rossmeisl seine Ausbildung nicht in Mittenwald auf der dortigen Geigenbauschule sondern in der Werkstatt von Franz Hirsch, in Schönbach, in der Falkenauerstraße 315, absolviert hat. Grund für diese Falschangabe war die politische Situation zum Zeitpunkt von Rogers Einbürgerung. Schönbach war zu dieser Zeit Teil des sowjetischen Machtbereichs und befand sich während des Kalten Kriegs auf feindlichem Territorium. Mittenwald hingegen war im Westen gelegen und genoss durch seinen traditionellen Zupf-und Streichinstrumentenbau in den USA großes Ansehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass bei wahrheitsgetreuer Angabe, Probleme mit der Einwanderungsbehörde zu erwarten gewesen wären. 

Wenzel und Roger vor der Werkstatt von Franz Hirsch in Schönbach             Quelle: HR

ROGER-GUITARREN aus der Ära Berlin 1951-53 tragen die Nummern 860 bis 1045. Sie sind sehr leicht von denen aus früherer und späterer Produktion zu unterscheiden.

Spezifische Merkmale:

  • sanftere Übergänge im Carving
  • Unterschiede in der Lackierung – Farbe und Schattierung
  • SUPER-Modelle vorwiegend mit symmetrischer Kopfplatte
  • Halssperrung – 3-fach mit parallelem Mittelstreifen
  • unterschiedliches Halsprofil – Hälse meistens schlank, gut spielbar
  • Griffbretteinlagen JUNIOR-Modell:  5 Balken, z.T. geteilt
  • Griffbretteinlagen STANDARD, LUXUS, SUPER : 8 Blöcke, geteilt, z.T. mit Ziereinlagen
  • unterschiedliches Halsfußprofil und geringerer Halsfußüberstand
  • keine angeleimten Restholzstücke am Halsfußende
  • Unterschiedliches Halszungenprofil
  • Unterschiede im Hals-Kopfplattenübergang
  • Unterschiede im Binding
  • flache Böden, bei den JUNIOR-Modellen
  • Spezialanfertigungen von Saitenhalter, Steg, und Schlagbrett

Die  letzten, im Aug / Sep 1953 ausgelieferten Gitarren weisen, bezüglich der Qualität der verbauten Einzelkomponenten, nicht den gewohnten ROGER-Standard auf. Dies liegt daran, dass Roger, kurz vor seiner Flucht nach USA, so tief in den Schulden steckte, dass ihm niemand mehr irgendwelche Waren lieferte.

Ausführliches Bildmaterial hier:  Link zu Bildergalerie „Ära Roger 1951-53“ 
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