KAPITEL 3   MITTENWALD / NEUMARKT ST. VEIT

ÄRA MITTENWALD 1955 – 1960

Die Zeit von März 1954 als WR aus dem Zuchthaus entlassen wurde, bis zur erneuten Firmengründung am 1. September 1955, ist bereits in der chronologischen Abfolge von Wenzels Leben ausreichend dokumentiert.  Erwähnenswert an dieser Stelle ist der absolute Wille und der unerschütterliche Glaube von Wenzel Rossmeisl und seiner zweiten Frau Marianne, noch einmal eine  Werkstatt für den Bau von ROGER-Guitarren zu eröffnen.

Bereits einen Monat nach dem Wiederbeginn verlassen die ersten Instrumente die Fertigungsstätte.

Nachfolgend eine Auflistung aller Änderungen, betreffend die Konstruktion und das Design:

1) Alle Modelle haben, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ein venezianisches Cutaway.

2) Die F-Löcher sind nochmals verbreitert worden

3) Neues Label 

Das neue Label trägt das Mittenwalder Logo.  Als Schrifttyp wurde sans-serif gewählt, im Gegensatz zur Fraktur-Schrift bei den früheren Berliner Zetteln.

4) Die gesamte Hardware kommt nunmehr aus Westdeutschland

5) Änderung des Halsprofils

Im Gegensatz zur früheren D-Form weist der Hals mit Beginn der Mittenwalder Produktion ein annähernd kreisförmiges Profil auf.  Dieses wurde jedoch schon vor der Verhaftung von WR entwickelt. Auf dem Foto aus der Werkstatt in der Lützowstraße, im Jahre 1952, ist eine Gitarre mit diesem Feature zu sehen.

6)  Wegfall der trapezförmigen Einlagen für das Logo

7)   Saitenhalter mit R-Design  (ab Anfang 1956)

Genau wie bei der Entstehung der ROGER-Guitarren, standen auch hier die Hersteller von noblen Instrumenten jenseits des großen Teichs Pate.  Und so besteht das neue Design aus einer Kombination von Stilelementen, die bei Guild und Rickenbacker zu finden sind. Das neue Design ist das Ergebnis der Zusammenarbeit von Roger und Wenzel, die sich wieder versöhnt hatten.

Saitenhalter neu, Luxus-Ultra Nr. 2987        Quelle: HR

8)   geändertes Label

Gegen Ende der Mittenwald Ära wurden neue Labels gedruckt. Der Text präsentiert sich von nun an in serifer Schrift. Diese Etiketten wurden auch nach dem Umzug in die neue Fabrik in Neumarkt St. Veit verwendet. In der Folge hat man dann die neue Firmenanschrift mit einem blauen Stempel nachträglich aufgedruckt.

ÄRA NEUMARKT ST. VEIT  1960 – 1968

Ausschlaggebend für die Entscheidung eine neue Fertigungsstätte zu bauen war die vereinbarte Zusammenarbeit mit der italienischen Firma EKO.  Diese wurde nach einem Brand mit Hilfe der Gelder aus der Versicherung komplett neu aufgebaut.  Anstelle der bisher erzeugten Akkordeons sollten nun aber ausschließlich Gitarren produziert werden.  Leider hatte EKO in diesem neuen Produktbereich keinerlei Erfahrung und so musste das Management zuerst geeignete Spezialisten anheuern.  Wenzel Rossmeisl war einer davon.  Er bekam einen Beratervertrag und hatte mit seinen Fertigungskenntnissen und seinen Geschäftsverbindungen einen wesentlichen Anteil am Wiederaufbau von EKO.  Zudem übernahm er den gesamten Vertrieb für Deutschland. Darüber hinaus wurden im ROGER-Werk Teile für EKO produziert.  Entgegen manchen Vermutungen wurden aber nie ROGER-Guitarren, oder Teile davon, in Italien hergestellt.

Der Umzug in das neue Werk in Neumarkt St. Veit begann 1959 und dauerte fast ein Jahr. Schrittweise wurden Maschinen und Material in die neue Fertigungsstätte transportiert, sodass ohne nennenswerte Verzögerung mit der Produktion einzelner Komponenten begonnen werden konnte. Manche Mitarbeiter waren zeitweise an beiden Standorten tätig.  Als der Umzug beendet war, wurde die Niederlassung in Mittenwald geschlossen.

Die Zeit bis 1962 kann als die GOLDENE ÄRA in der Firmengeschichte bezeichnet werden.  Die ROGER-Guitarren waren gefragt und Wenzel verdiente als Manager und Berater bei EKO viel Geld. Dazu kamen die Erträge aus den Zulieferteilen, die in Neumarkt St. Veit für EKO produziert wurden.  Ab 1962,  als die FENDER Welle Deutschland voll erreicht hatte,  gingen die Umsätze mit den ROGER-Guitarren drastisch zurück.  Kein Problem für Wenzel, der fortan TELE- und STRATOCASTERS in großen Mengen importierte und mit sattem Gewinn verkaufte. 

Im Jahr 1965 eröffnete WR ein Ladengeschäft in der Hohenzollernstraße 58 in München. Dieses wurde von 1966 bis 1969 von Adi Feil, einem Geigenbaumeister, der schon von 1956 bis 1961 bei der Firma ROGER tätig gewesen war, geführt.  Der Verkauf der ROGER-Guitarren war zu diesem Zeitpunkt stark zurückgegangen und Wenzel, inzwischen 63 Jahre alt, befasste sich von diesem Zeitpunkt an mit der Suche nach einem Nachfolger.

Im Jahr 1967/68 wurden 12 einfache, klassische, gut klingende Gitarren gebaut, die allesamt, zum Preis von 1100 DM das Stück, über das Münchner Geschäft verkauft wurden. Diese Gitarren besaßen ein eigenes Label. Sie wurden von dem Gitarrenbauer Anton Sandner aus Baiersdorf gebaut.

Konzertgitarre                                                                                                  Quelle: MK

An den ROGER-Guitarren hat sich während der Zeit  in Neumarkt St. Veit folgendes geändert:

1)   Modell SUPER mit F-Löchern und teilweise geänderten Griffbretteinlagen

Das Top Modell SUPER besaß seit Anbeginn tropfenförmige Schalllöcher.  In Neumarkt St. Veit wurde mit dieser Tradition gebrochen.

Ab diesem Zeitpunkt gibt es die SUPER ausschließlich mit F-Löchern. Die übrigen Merkmale blieben erhalten. Der Grund für diesen Stilbruch ist in der konsequenten Rationalisierung der Fertigungsabläufe zu suchen. Bei der Herstellung der maßgleichen Rohdecken gab es bisher zwei Produktlinien:  Eine mit F-Löchern, die andere mit tropfenförmigen Löchern. Das traf in gleicher Weise auch für die Lagerung der Komponenten und den Zusammenbau der Korpusse zu.  Mit Einführung dieser Änderung gab es keine Unterschiede mehr in der Herstellung der Rohkörper. Das Ergebnis war eine deutliche Einsparung an Produktionskosten. Kostensparenden Effekt hatte auch die Änderung der Griffbretteinlagen, beginnend mit dem zwölften Bund. Bedingt durch die, mit zunehmender Bundzahl, abnehmende Blockhöhe der Einlagen, war die diagonale Trennung der Einlagen und deren Einbau in das Griffbrett ein diffiziler und zeitaufwendiger Arbeitsprozess.  Fortan entfällt die diagonale Teilung der Einlagen von Bund 12 bis 17.  Der Block in Bund 12 wird in 3 Rechtecke aufgetrennt, während die restlichen Einlagen mittig geteilt sind.        

2)   Einheitliche Form für symmetrische Kopfplatten – wie Modell ELECTRIC 

Kopfplatte neu, Ausf. D2       Quelle:            HR

3) Die Hälse haben mehrheitlich eine Metallschiene oder eine einstellbare Gewindestange. Die ersten Hälse mit Metallschienen tauchen jedoch bereits 1959 auf

4)   Die Griffbretter sind nun mehrheitlich aus Ebenholz

5)   Die Griffbretteinlagen aller Modelle, außer JUNIOR, sind nun wieder aus Perlmutt

6)   Neue Modellvarianten  JUNIOR und LUXUS SPECIAL  1960/61

Das Modell JUNIOR gibt es jetzt in einer preiswerteren Ausführung.  Decke und Boden sind gewölbt und aus gepresstem Holz.  Lieferant ist die Firma Kollitz.

Die LUXUS SPECIAL wird neu aufgelegt.  Es gibt sie nun auch als SEMI mit laminierten, gewölbten Decken und Böden.

Junior-Ca, gepresst, gewölbt Quelle: MK
Luxus-Special, gepresst, gewölbt      Quelle:  Buchsteiner

7)  Einführung der SOLID BODY GUITAR,  die auch als Bass erhältlich ist.

8)  Einführung eines neuen Logos aus Plastik

Plastiklogo Relief schwarz/gold, Junior-Ca  Quelle: HR
Plastiklogo Relief weiß/gold, Standard-Ca Nr. 3449            Quelle: HR

DIE ZEIT VON 1968 BIS ENDE 1969

Ab 15. Januar 1968 verpachtete Wenzel Rossmeisl die Firma in Neumarkt St. Veit für 4000 DM pro Monat an den Geigen- und Gitarrenbaumeister Helmut Buchsteiner. Unter der Regie von Helmut Buchsteiner wurden nur wenige ROGER-Guitarren verkauft. Das Hauptgeschäft bestand im Verkauf von importierter Ware und in der Reparatur alter Instrumente. Anbei ein Bild einer der wenigen, unter dem ROGER-Label vertriebenen Gitarren. Sie trägt die Seriennummer 69 02 24. Im Gegensatz zur fortlaufenden Nummerierung unter Wenzel Rossmeisl, gab die Seriennummer bei Buchsteiner Auskunft über das Herstellungsdatum, in diesem Fall der 24. Februar 1969. 

Auf eine diesbezügliche Anfrage teilte mir Herr Buchsteiner folgendes mit:

Originaltext der e-Mail vom 30.03.09

Hallo Herr Rittinger,
Diese Roger Gitarre habe ich vermutlich 1968 oder 1969 gebaut. Damals habe ich die besten vorgefertigten Teile verwendet und mich bei den Modellangaben nach dem Preis der Roger - Preisliste gehalten. Der Steg ist ein EKO-Rollensteg und der Tonabnehmer ein De Armond, diese kaufte ich, wie Rossmeisl, direkt in USA und vertrieb diese in Deutschland, zum Beispiel belieferte ich Artur Lang. Der Zettel ist der Roger-Zettel schon mit Neumarkt- St.Veit Aufdruck. Leider kann ich den Zettel nicht lesen, aber es müßte in der Serien Nummer 68 oder 69 enthalten sein, auch habe ich den Zettel signiert mit HB oder HBuchsteiner.
Der Zettel ist der Roger-Zettel schon mit Neumarkt- St.Veit Aufdruck. Leider kann ich den Zettel nicht lesen, aber es müßte in der Serien Nummer 68 oder 69 enthalten sein, auch habe ich den Zettel signiert mit HB oder HBuchsteiner.
Super-Ca mit F-Löcher Nr. 69 02 24 von Buchsteiner         Quelle: Harto S.H.

Der Pachtvertrag endete zum Jahresende 1969 im Unguten.  Mit der Auflösung des Betriebs wurde auch der Rest der noch vorhandenen Rohkomponenten wie Decken, Böden, Zargen und Hardwareteile veräußert. Ein Abnehmer war die Firma AMC, die unter dem Namen HOYER Archtops herstellt, die aus alten, originalen ROGER-Teilen  bestehen.

Und hier endet die Geschichte der ROGER-GUITARREN.  Der von Wenzel Rossmeisl eingetragene Markenname ROGER ist wegen Nichtbenutzung verfallen.  Was bleibt,  ist der unvergängliche Ruhm von Instrumenten, die ihrer Zeit einen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt haben.

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